Sonnabend, 9. April 2005
 

Schwindelschach am Strelasund

Wie ein angeblicher Schachmeister eine ganze Region zum Narren hielt

Stralsund • Beim Stralsunder TSV 1860 schlug die Nachricht ein wie eine Bombe. "Das hat uns alle vom Hocker gehauen", sagt der Abteilungsleiter Schachsport, Hans Schumann. Wie einst der Hauptmann von Köpenick hat Vereinsvorsitzender Claus-Peter Schoschies eine ganze Region zum Narren gehalten.

Von Thomas Volgmann

Schoschies galt in Stralsund lange als einer der besten Schachspieler Europas. Seine Spezialdisziplin: das relativ unbekannte Problemschach. Bei diesem Spiel sitzt der Spieler allein am Brett und muss aus einer konstruierten Stellung he-raus ein Matt in einer vorgegebenen Anzahl von Zügen zeigen. Nur wenigen gelang dies angeblich so gut wie dem 45-jährigen Telekom-Techniker.

Detailliert hatte Schoschies in Interviews mit der Lokalpresse und in Berichten an den Landesschachverband seine dramatischen Kämpfe gegen die Größen im Problemschach wie den Amerikaner Bill Farmer, den Finnen Ole Lars oder Sergej Bartuschow aus Dortmund geschildert. So erklärte er, warum er bei der europäischen Bestenermittlung nur Zweiter hinter Nikolai Garnejew wurde, mit den Worten: "Ich hatte zuviel Respekt vor mir".

Noch im Februar zeigte er Sportfunktionären, Stadtvätern und der Lokalpresse eine Ratingliste seines "Orthodoxen Problemschachverbandes" OPCF. Dort stand er auf Platz zwei in Deutschland und Platz vier in Europa. Zweifel kamen nicht auf, obwohl der OPCE in Stralsund genauso unbekannt war, wie Dr. Gernot Peter, der die Liste erstellt haben soll.

Schachfigur in den Socken gerutscht

Launig konnte Schoschies in einem Interview im Dezember 2004 berichten, wie bei einem dieser Wettkämpfe ihm eine Schachfigur in den Socken gerutscht sei. Er habe sich aus Silberpapier schnell einen neuen Bauern gebastelt und schließlich gewonnen…

Die Stadt Stralsund und der Verein waren stolz auf ihren Schachmeister, der niemals aufgab. Und dem man alles glauben wollte, egal was er erzählte.

Die Ostseezeitung kürte Schoschies im Februar 2005 zum Sportler des Jahres. Bereits zuvor hatte der Landesschachverband sein Mitglied mit der Ehrennadel in Bronze ausgezeichnet. Sein Verein TSV wählte Schoschies sogar zu seinem Vorsitzenden.

Mit Geld aus der Stadtkasse und vom Verein fuhr er zu internationalen Turnieren und Schaukämpfen nach Dubai, Lanzarote und Athen. In der griechischen Metropole hat er nach eigenen Angaben am Rande der Olympischen Spiele an einem Schaukampf im Problemschach teilgenommen. Das Geld kam von der Stadt.

Inzwischen steht fest, der Schaukampf hat nie stattgefunden. Schoschies hatte sich bei Olympia ein paar schöne Tage gemacht. Auch die anderen Turniere, die Rangliste, die weltberühmten Gegner um Ole Lars – alles war erlogen.

In einem schriftlichen Eingeständnis des selbst ernannten Europavizemeisters von dieser Woche, das unserer Zeitung vorliegt, heißt es: "Das Konstrukt um den OPCF herum ist tatsächlich frei erfunden. Es hat weder die dargestellten Wettkämpfe und Erfolge gegeben, noch sind die weiteren Mitspieler und Gegner existent.…" Ihm sei es bei seinen Erfindungen um Anerkennung gegangen.

Die Hochstapelei hatte zuvor ein Cottbusser Schachfreund, der von der Insel Rügen stammt und den Schachsport im Norden kennt, ans Licht gebracht. Seine Recherchen stellte er als lesenswerte Geschichte ins Internet. (http://www.chessbase.de/nachrichten.asp?newsid=4186)

Der TSV 1860 Stralsund reagierte auf seiner Internetseite auf die Enthüllungen "mit Entsetzen". Möglich sei diese Köpenickiade nur gewesen, weil Problemschach auch unter Schachspielern ein relativ unbekannter Nischensport ist, sagte im Gespräch mit unserer Zeitung Hans Schumann, der die Abteilung Schach beim TSV leitet.

Allerdings, "einiges kam uns schon früher merkwürdig vor", räumt Schumann ein. Manchmal hätten sich die Aktiven gewundert, wenn Schoschies beim traditionellen Schach die einfachsten Mattstellungen nicht erkannt habe. "Mensch, das gibt es doch gar nicht", hätten sich die Mannschaftskameraden unter vorgehaltener Hand zugeflüstert. Öffentlich wurden die Zweifel damals nicht.

Stadt Stralsund ermittelt den Schaden

Schoschies selbst ist inzwischen vom Posten des Vereinsvorsitzenden zurückgetreten. Auch hat er angekündigt, dass er die für sich in Anspruch genommenen Sportfördermittel vollständig zurückzahlen will.

Deren genaue Höhe sei noch nicht bekannt, der Fall werde geprüft, sagte eine Mitarbeiterin der Pressestelle der Stadt. Auch die Polizei hat sich inzwischen eingeschaltet. Wie der Sprecher der Stralsunder Staatsanwaltschaft, Ralf Lechte, gestern gegenüber unserer Zeitung mitteilte, sei seine Behörde allerdings derzeit noch nicht in die Ermittlungen involviert.

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